Am Busen des Passivismus

Der Links-Intern hatte, in ruhiger Behendigkeit, das redaktionelle SFD CMS ausgetrickst und konnte so einmal posten, was er wollte. Das Resultat: eine verstörende Flaschenpost aus einer offenbar fern zurückliegenden Zeit.




Oslo 2008

Die moderne Form der Faschisierung ist vielmehr die Massenmobilisierung des Passivismus, der kollektiven Unaufmerksamkeit. Diese gewinne ich durch Arbeitslosigkeit in der Wirklichkeit und Überbeschäftigung in den Bewußtseinshaushalten, das letztere insbesondere über Medien.
Bin ich vollbeschäftigt in der Freizeit, habe ich keine Aufmerksamkeit übrig.
Bin ich arbeitslos oder im Arbeitsplatz gefährdet (was praktisch alle sind), so existiert die sogenannte industrielle Reservearmee, d.h. ich bin zu jedem Zeitpunkt in der Wirklichkeit ersetzbar. Diese im Kern unerträgliche Lage muß ich balancieren. Ich bin zusätzlich auf Illusionsproduktion angewiesen. Dies hält mich in der Überproduktion des Mediums fest.
»Das Wirkliche wird imaginär, deshalb ist das Imaginäre wirklich.«
Eine solche, gesellschaftlich vororganisierte Situation (wenn auch nicht von Mächten oder Verschwörern organisiert) erzeugt Passivismus, gestattet einer gesellschaftlichen Minderheit zu tun, was sie will.
Verzweifelte, d.h. aus ihrer historischen Perspektive entfernte Produktivkräfte haben die Tendenz, eher die Wirklichkeit zu dementieren als darauf zu verzichten, sich anzuwenden. Die Mischung aus Kapitalismus und Lebensgefühl hat diese Durchbruchskraft ins Irrationale.

Die im Einzelmenschen leiseren Motivationen, die aber im Moment schwer zu versammeln und deshalb momentan nicht durchstoßkräftig scheinen, werden dabei in ihrem Zusammenhang zerstört, ihr Zusammenhang wird getötet. Der Widerspruch liegt darin, daß das Töten des Zusammenhangs die Gefühle selbst keineswegs umbringt.
Ist aber der menschliche Zusammenhang, in dem sie entstanden sind und sich kombiniert haben, zerstört worden, so erkennt ein Mensch seine eigenen Gefühle nicht wieder.
Im buchstäblichen Sinn werden sie auf diese Weise unmenschlich.

Der Unterschied des Gegenpols [zum Gelegenheitsmaterialismus der Machbarkeit des Faschismus] muß darin liegen, daß es sich nicht um Gelegenheitsmaterialismus handelt. Es kann also nur um eine zusammenhängendere Politik gehen: Rechnungen oder besser: das Errechenbare ersetzende Genauigkeiten à la hauteur.
À la hauteur ist ein französisches, ein Pariser Wort, das so klingt, als sei à la hauteur gesellschaftlich oben. Tatsächlich liegen die schwerst-mobilisierbaren Eigenschaften von Menschen in der sogenannten Tiefe.
Die Tiefe ist aber lediglich eine Kategorie des Zusammenhangs. In dieser Hinsicht wäre z.B. Hautberührung Tiefe, weil in keiner Weise täuschend.
Kino verhält sich zu ––––– wie ein Zivilist im Jahre 1932. Erst 1949 kann er wieder anfangen zu planen.

A. Kluge, Die Utopie Film (1983)




Tornow 2006
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