Als ein Kind in den Laden trat



Grado, Friuli-Venezia Giulia

Die kommerzielle Bedeutung des Meeres sollte natürlich nur ein einzelner Aspekt sein, ein einzelner, zweitrangiger; da ja all diese Aspekte mir, dem Dreizehnjährigen, verschleiert, im Larvenzustand waren; funktionslose Fasern einer Erziehung, die zwei Jahrtausende an Geschichte umfaßte, für den Augenblick vollkommen nutzlos, die sich als mein Bewußtsein entwickeln sollte oder einfach als Anstoß zur Neugier, untätig (wie es eintraf); Parasit, nur, einer anderen Kraft, jener der Sinnlichkeit, der sich verwickeln ließ in das Undifferenzierte der phallischen Zündungen; und nichts eignet sich in der Tat mehr, deren erweiterte Darstellung zu sein, als gewisse Meeresansichten unter einer mediterranen oder tropischen Sonne, die nur nominell heruntersticht, rein zum Vergnügen der Imagination; das Blau der Wellen, das Spiel der Gezeiten, die Kämme des kaum gesichteten Festlandes mit seinen Palmen oder Vulkanen; es ist dies ein Anblick, der die empfängliche Präsenz des Körpers in sich darstellt, sie in einem wohligen Schauder aufsaugt, seine Organe und Bindegewebe herausschleudert, um die eigenen endlosen, tiefblauen oder grünen Färbungen hineinzusetzen; […] Diese Situation, die keine Auflösung, keine Geschichte haben kann, war für mich, der ich mich in sie einließ, immer dieselbe: eine monotone Kraft, die mich um mich selbst kreisen ließ. Wenn ich mich diesem Kreisen je hätte entziehen können, dann, um zurückzukehren, immer tiefer in meine reglose Energie hinein. Dann hätten, insofern man jenem kindlichen Laster einen Wert beimessen könnte, indem man es an den menschlichen Ort versetzte, von dem es so weit entfernt ist, die Franzosen recht, die dem Meer einen weiblichen und nicht einen männlichen Artikel geben . . . unseren Ursprung mit einem mütterlichen Namen benennen; und wir, wir würden dereinst ins Meer und nicht in den Himmel eingehen: und wenn letzterer von uns verlangt, ans Ende der Geschichte zu gelangen, von der Ursache zur Wirkung, zur Erlösung oder der Verdammung unseres Lasters, das heißt, unserer selbst: unserer Unterdrückung, dann lädt das Meer uns ein, zum Beginn einer Geschichte zurückzukehren, das heißt, nicht nur für immer, selig, ohne Unterschied wir selbst zu sein, sondern auch das zu sein, was wir gewesen sind, von der Wirkung zur Ursache also, in der vollen, dauernden Wärme des Lebens . . .

So weit war er in seinen Überlegungen gekommen, als ein Kind in den Laden trat.

Text: P. P. Pasolini, Operetta marina/Kleines Meerstück

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