Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern (I) …

…, oder: eine Warnung an alle, die mehr Geschmack als Geld haben. Was bisher geschah.

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courtesy Katy Grannan

Für Alan

Der Gegenstand meiner Sorge hüllt mich nicht länger ein. Ich bin verloren, ich habe meinen Hausrock nicht behalten. Der Drache, der das goldene Vlies zu bewachen hatte, war nicht weniger auf der Hut als ich. Der Greis, der sich Hals über Kopf in einen Jüngling verliebt hat und seinen Launen hilflos ausgeliefert ist, fragt sich den ganzen Tag lang: Wo ist er geblieben, mein guter alter Hausfreund? Welcher Teufel hat mich geritten, als ich ihm den Laufpass gab um diesen Verrückten willen? Dann seufzt er; es kommen ihm die Tränen.

Ich seufze nicht, mir kommen keine Tränen; doch immer wieder sage ich mir: Verdammt soll er sein, der Kerl, der auf die Idee gekommen ist, aus einem Stück gewöhnlichen Stoffs eine Kostbarkeit zu machen, indem er ihn scharlachrot färbte! Verfluchtes Luxuskleid, dem ich meine Reverenz erweise! Wo ist er hin, mein bescheidener, mein bequemer Wollfetzen?

Liebe Freunde, haltet an den Freunden fest, die euch geblieben sind. Fürchtet die Schläge des Reichtums! Lasst euch mein Beispiel eine Lehre sein. Die Armut hat ihre Freiheiten, der Reichtum seine Zwänge. Ach, Diogenes! wenn du deinen Schüler im prunkvollen Mantel eines Aristipp sehen könntest, wie würdest du ihn auslachen! Und was dich betrifft, Aristipp, so ist dieser prunkvolle Mantel durch manchen Niederträchtigkeit erkauft. Was für ein Unterschied zwischen deinem verwöhnten, liebesdienerischen, schlaffen Dasein und dem freien, standhaften Leben des zerlumpten Zynikers! Und ich, ich habe die Tonne verlassen, in der ich mein eigener Herr war, um in die Dienste eines Tyrannen zu treten. Und das ist noch nicht alles mein Lieber! Ich will dir sagen, welche Verwüstungen der Luxus anrichtet, welche Folgen es hat, wenn man sich ihm ausliefert.

Mein alter Hausrock und der ganze Plunder, mit dem ich mich eingerichetet hatte – wie gut paßte eins zum anderen! Ein Stuhl aus Rohr, ein Tisch aus Holz, eine Bergamo-Tapete, halb Hanf halb Seide, ein fichtenes Brett, auf dem ein paar Bücher standen, einige verräucherte Stiche ohne Rahmen, einfach auf die alte Wandtapete genagelt; das alles paßte in seiner Kargheit aufs allerschönste zu meinem alten Hausrock.

Jetzt ist alles aus den Fugen. Die Übereinstimmung ist dahin, und mit ihr das richtige Maß, die Schönheit.

Fortsetzung folgt

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