Der Enkel von Georges Attachère



Was suchte ich?

Was suchte ich? Ich hätte es keinem Menschen zu sagen gewagt. Wer hätte mir auch geglaubt, wenn ich ihm erzählt hätte, daß ich einen jungen Mann suchte, von dem ich nur wußte, daß er hellgraue Augen und eine braune Haut hatte? Das Erstaunlichste war, daß ich diesen jungen Mann tatsächlich fand. Ich fand ihn nicht nur einmal, sondern hundertmal. Jahrelang begegnete ich ihm immer wieder auf meinem Weg, mal war er älter, mal jünger, kleiner oder größer, Deutscher, Schwede oder Amerikaner – oder Franzose, aber er war immer der gleiche, denn ich suchte nur ihn, sein knappes Profil, seinen breiten Nacken, seinen elastischen, tänzelnden Gang. Was dem armen Monsieur Pâris fehlte, hatte ich im Überfluß – nämlich Glück, ein zuverlässiges, hartnäckiges und herausforderndes Glück. Eine Ahnung davon bekam ich noch in derselben Nacht, in der ich Monsieur Pâris auf seiner Bank zurückließ, denn es war kaum eine Stunde vergangen, als mich jemand in der Nähe eines Bahnhofs ansprach und mich um eine gewöhnliche Auskunft bat. Unbegreiflicherweise hatte ich den Mut, mit einem Kompliment zu antworten, das mit belustigter Verblüffung aufgenommen wurde. Mein Gesprächspartner kam aus ich weiß nicht mehr welcher fernen Stadt im Norden. Er schenkte mir ein Lächeln, das mich mit Glück erfüllte. Wahrscheinlich können Sie sich denken, daß dieser junge Mann in meinen Augen verführerischer war als alle anderen zuvor, und ich hatte im folgenden auch allen Grund zu der Annahme, daß er mir meine Kühnheit nicht übel nahm.
Damit begann für mich ein neues Leben, das schwierig und zugleich köstlich war, denn das Vergnügen bringt einen auf den Geschmack an Luxus und Unabhängigkeit, und ich war arm; andererseits begünstigte das Schicksal meine Unternehmungen, und ich erlitt nur wenige Niederlagen auf meinem selbstgewählten Gebiet. Nach wenigen Wochen war ich ein anderer Mensch – wenigstens glaubte ich das. Mit Lesen fürchtete ich nur meine Zeit zu vergeuden, und insgeheim beklagte ich mich über die Stunden, die ich widerwillig in der Ladenstube von Monsieur Grondin verbringen mußte, während die Sonne schien und an bestimmten Orten, die ich inzwischen kennengelernt hatte, das Glück auf mich wartete. Meine alten Träume waren schnell vergessen zugunsten weitaus angenehmerer Wirklichkeiten. Durch eine plötzliche Verwandlung erwachte alles, was seit Jahren in mir geschlummert hatte. Ich wußte instinktiv, wo ich meine Beute finden würde und was ich tun mußte, damit sie mir nicht entkam. Hinter einem unschuldigen Äußeren, das mir jede Dreistigkeit erlaubte, verbarg ich einen gerissenen und berechnenden Instinkt, und sobald ich gezwungen war zu lügen, kam mir ein schier unerschöpflicher Einfallsreichtum zu Hilfe. Besonders gut spielte ich den Naiven und weckte bei Fremden das Verlangen, meine Dummheit auszunützen, mich einzuweihen, um es genau zu sagen. Mit Hilfe eines hübschen Gesichts und den bei Monsieur Pâris abgeschauten Umgangsformen schlich ich mich in das Leben zahlloser junger Leute, von denen sich einige um so mehr an mich klammerten, weil ich mich nicht verkaufte.
Ich bräuchte viel Zeit und Begabung, die mir beide fehlen, um Ihnen eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie mein Leben zwischen achtzehn und dreißig aussah. Dazu müßten Sie außerdem ein Mann sein, und ich dürfte nicht den Skrupel haben, Sie schonen zu wollen. Es mag Ihnen genügen zu erfahren, daß ich mit jungen Männern aller Art Beziehungen unterhalten habe, mit guten und schlechten, reichen und armen, die aber alle in etwa dem physischen Ideal entsprachen, das so große Anziehungskraft auf mich ausübte. Diese Suche nach der Schönheit war meine Rettung, weil sie mich vor dem reinen und dummen Laster bewahrte und mich daran hinderte, einer Ausschweifung zu verfallen, der alles gut erscheint, was sich nicht verweigert.

Advertisements

About this entry