Techniques of the Closet: Where the gay boys aren’t (out)

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Do you remember Victor Pecci?

Das akademische Feld besetzt am Ende des 20. Jahrhunderts den Tennisplatz als unendliches Feld der Reflexion. Oder sind es verzweifelte catch the audience-Strategien, semantische Übungen, die kraftlos am Abgrund wandeln? Zunächst zwei Beispiele aus dem Jahre 2006: Der Migrationsforscher Mark Terkessidis eröffnet seinen Beitrag zu “neuer Bürgerlichkeit” in der taz mit einer Anekdote: „Irgendwann vor der Wahl saß ich mit meinem Tenniskumpel Patrick nach dem Spiel beim Bier, als er recht unvermittelt meinte, dass ich ein perfekter Kandidat für die FDP wäre.“ Das ist sehr eindringlich, fast literarisch. Auch eine Antrittsvorlesung in Basel (Lehrstuhl für analytische Philosophie) im Sommer dieses Jahres möchte die Begeisterung für Tennis mit der kantischen Frage der „Selbstgesetzgebung“ verbinden. Das klingt so:
“Ich spiele sonntags Tennis. Wenn diese Regel meinen Willen bestimmt, dann muss dass einen Grund haben, etwa den, dass ich gerne Tennis spiele. Dass mir das Spaß macht, ist dann die Bedingung dafür, dass die Regel „Ich spiele sonntags Tennis“ meinen Willen bestimmt. Der Bestimmungsgrund meines Willens im oben erläuterten Sinn dieses Ausdrucks ist also die Lust am Gegenstand der Regel. In Kants Worten geht hier „die Begierde nach diesem Gegenstande vor der praktischen Regel vorher“ und ist „die Bedingung […], sie sich zum Prinzip zu machen“ (KpV 38-9). Die Begierde nach dem Gegenstand ist die Freude am Tennisspiel, und die ist die Bedingung dafür, daß ich mir die Regel „Spiele sonntags Tennis“ zum Prinzip mache.“
Irgendjemand soll beim Lesen dieser Zeilen die Gartenschere eingerostet sein. Nähern wir uns dem unbekannten Topos Gay Tennis. Einige Filmmacher greifen Tennis auf, entdecken darin nicht nur eine eigene Faszination, sondern mitunter gar ein revolutionäres Potential. Die Gruppe Dziga Vertov adaptiert Ende der 1960er Jahre donnernde Grundlinienschläge, manirierte Gesten und schillernde Moden im Tennis-Upper-Class-Milieu, um das Gespenst des Kommunismus dort anzutreffen, wo es niemand vermutet. Wunderhübsche, französisch-codierte Warhol-Imitationen, die leider viel zu schnell aufgegeben wurden. (Hier beginnt eine andere Geschichtsschreibung Jean Luc Godards: Träumte er später nicht nur noch von Tennis, von einer anderen Bildregie in Roland Garros?) Ausgeblendet bleiben andere Stimmungsbilder und Fragen, die dieser Tage diskutiert werden: Gay Tennis Men: Fact or Fiction? In keiner anderen Sportart geht die Coming Out-Quote so frappierend gegen Null. Es gibt anscheinend nur die lesbische Ikone Martina Navratilova, Billie Jean King und… Verfolgen wir ein paar historische Spuren. Widmen wir uns William Klein und seiner „Ästhetik des Closet.“ Als Tennis noch der Sport des veredelten Bürgertums war, nicht klassenübergreifend geliebt und gespielt wurde – niemand ein profanes Bier danach trinken wollte – , machte sich der amerikanische Fotograf und Filmemacher William Klein auf die Suche nach den medial nicht vermittelten Momenten der Regeneration, nach unscheinbaren Fashion-Icons und tennisuntypischen Bewegungsabläufen im Turniergeschehen der French Open 1981 (Film erschien 1982). Ein 15 jähriges Tennis-Riot Girl ist dort etwa zu erblicken, wie ihr beim Ausblasen der Geburtstagskerzen im Sponsorenbereich die Luft ausgeht oder John McEnroe, wie er den Klick einer Canon-Kamera simuliert, um seine japanischen Werbepartner zu beruhigen. William Klein setzt das fade Ping Pong-Spiel in ein anderes Licht, widmet er sich doch ausschließlich den kurzlebigen und liebevollen Momenten der Gemeinschaftsbildung unter Rivalen. Da sitzen sie Backstage friedlich zusammen, wie in einer inszenierten Modestrecke. Ihre verschwitzten Tennis-Shirts und eng anliegenden Tennis-Hosen – die Handtücher locker über die Beine gelegt, das gemeinsame Streicheln der Schnurrbärte – überblenden die Tristesse der Sportstätte mit Denver Clan- Bildern, sind die Impressionen doch mit dem Glanz von 16mm-Filmmaterialien überzogen, angenehm verwackelt durch eine Handkameraführung. Hier sehen wir Discovorfreuden im Warteraum der Tennisarena, die sich über die Attraktion des ägyptischen Aufschlagstils John McEnroes schieben, wie ihn Gilles Deleuze aus der Perspektive eines TV-Junkies beschrieben hat. William Klein aber entdeckt wirkliche Unterhandlungen. Sein Fokus richtet sich auf die privaten, tendenziell unbeobachteten Ereignisse hinter den Kulissen, ihn interessiert das andere Aufwärmen, das profane Dasein in der Umkleidekabine. Wir können den Augen Yannick Noahs den Genuss der Massage entnehmen. Ab und an wirft er einen flüchtigen Blick auf den Fernseher. Ist es wirklich so? Men’s Pro Tennis: Where the Gay Boys Aren’t (Out)? Jenseits der grenzenlosen Hassausbrüche wegen ein paar verschlagener Bälle, entreißen diese Trockenübungen dem Live-Übertagungseifer des Fernsehens tatsächlich das Konzept. Hin und wieder taucht Sir William in die Fernsehübertragung – allerdings nur um den Weg in die viel attraktivere Umkleidekabine zu finden, weil dort der Riss zur Welt des Center Courts überdeutlich wird. Schauen wir auf Victor Pecci – the beauty of the past – der am Rande der Tennis-Arena in ein Diktiergerät eines südamerikanischen Radio-Reporters redet. Sein Blick ist die durchtanzte Nacht – abseitig, abwegig und verstohlen. So wird der erdabgewandte, irre Blick Victor Peccis zu einem prophetischen Zeichen dafür, dass die gemütlichen Zeiten des applaudierenden Citoyen bald vorbei sein könnten, Gay Tennis der Topos des 21. Jahrhundert werden könnte. Die Verwandlungen des Closets sind vielfältig. Will he show up?
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