SFD begegnet… Gero von Boehm

Gero von Boehm war gerade aus dem spätsommerlichen Berlin in ein, wie je, nachsommerliches Paris zurückgekehrt, als er Zeit fand für ein Gespräch mit SFD’s X (wieder X). In Berlin hat Boehm (“Bigtalk statt Smalltalk”) soeben ein Interview mit dem Filmregisseur Christian Petzold aufgezeichnet – wie immer an Plätzen, die dem Gesprächspartner etwas bedeuten. In diesem Fall war es der Potsdamer und der Leipziger Platz.

SFD: Gero von Boehm, Sie erreichen in Ihren Gesprächen eine seltene Intensität: Ihr Gegenüber scheint sich Ihnen zu öffnen in einem Maße, das man nur als ein menschliches Glühen ansprechen kann. War das auch in diesem Fall so?

GVB: Ich denke schon.

Herr Boehm, wie – wenn ich das fragen darf – haben Sie die Begegnung mit Christian Petzold erlebt?

Natürlich. Nun, zwar verfolge ich die Arbeit von Petzold schon seit geraumer Zeit, aber, um die Wahrheit zu sagen, der unbedingte Wunsch nach einer Begegnung erwuchs in mir erst, als ich im Berliner Tagesspiegel den Bericht über das dffb-Symposium las. Petzold wurde dort zitiert, wie er von der, und nun zitiere ich selbst, “neuen Melancholie des neuen Bürgertums” gesprochen hatte. Neue Melancholie des neuen Bürgertums – das interessierte mich sofort! Hier schien jemand wie ein feines Instrument subtile Schwingungen der Gegenwart aufzunehmen.
Sehen Sie selbst nicht ebenfalls Symptome, dass junge bürgerliche Menschen von einer eigentümlichen Melancholie gezeichnet sind? Junge Frauen insbesondere, scheint mir.

Also. Man ordnet Petzold zuletzt wieder häufiger einer Gruppe, gar einer Schule von Filmschaffenden aus Berlin zu – und auf die bezog sich Petzold ja selbst auch –, in deren Filmen die Figuren eine eigentümlich periphere Stellung zu Welt und Leben einnehmen. Ich denke, ausser an Petzold, etwa an die Filme von Angela Schanelec, aber auch Ulrich Köhler. Sie kennen das ja alles.
Halten Sie im Lichte Ihrer jüngsten Begegnung Melancholie für die zutreffende Diagnose, um die spezifisch distanzierte Position dieser Charaktere zu kennzeichnen?

Ich interessiere mich ja in erster Linie für den einzelnen Menschen – gleichwohl haben Sie recht: die Verbindung von Melancholie und Bürgertum deutet an, dass die Befindlichkeit des Einzelnen verwoben ist mit der Umgebung, in der er lebt, mit der Gesellschaft.

Freud schreibt über das Verhältnis des Trauernden zum Melancholiker: “Nach der Analogie mit der Trauer mußten wir schließen, daß er einen Verlust am Objekt erlitten hat; aus seinen Aussagen geht ein Verlust an seinem Ich hervor.” Laut Freud geht es bei der Melancholie um einen Verlust (Freud spricht von “Objektverlust”), der dem Einzelnen nicht bewußt wird, der vielmehr im Unbewußten wirkt. Der Verlust des Objektes wird introjiziert und erscheint als Ichverlust: der Verlust eines externen Objektes wird also auf der Bühne verschiedener Ichinstanzen nachgespielt, und zwar als Konflikt. Eine kritische Ichinstanz dringt auf das Akzeptieren des Verlusts und damit auf ein endgültiges Lösen vom verlorenen Objekt (letztlich eine Position des Hasses); eine andere Instanz will die Libidoposition, internalisiert wie sie ist und also gegebenfalls narzißtisch, bewahren. Die melancholische Situation setzt so einerseits eine starke Fixierung auf das Liebesobjekt voraus, andererseits eine hohe Beweglichkeit der Besetzung. Daher kann Freud resümieren: “Die Liebe hat sich so durch ihre Flucht ins Ich der Aufhebung entzogen.”
Meine Frage an Sie wäre nun: welches Objekt ist es, das diesen Figuren verlorengegangen ist?

Sie spitzen das in Ihrer technischen Ausdrucksweise sehr zu – ich sehe das Individuum, und ich sehe das Individuum in der Gesellschaft, in der es lebt. Ich glaube tatsächlich, dass diese junge Generation einen Verlust zu verarbeiten hat und vielleicht ist es zu einfach, zu sagen, es sei ein Verlust der Werte. Obwohl es das wohl auch ist. Ich denke, und Christian Petzold hat mir da, wenn ich ihn richtig verstanden habe, nicht widersprochen – ich denke, es geht um den Verlust einer politischen Realität, einer Realität des Politischen. Denken Sie doch an die, wie mir scheint, sehr präzise Figurenkonstellation in dem Ferienhaus im Wald in Köhler’s “Montag kommen die Fenster”: soundso viele hundert Gesetze unter rot-grün, aber das Verdikt lautet (spricht Freud nicht vom “Verdikt der Realität”?): kein rot-grünes Projekt zu sehen, keine Vision, keine Gesellschaft. Stattdessen: leichter Nebel. Motorengeräusch im Nebel.

Ich verstehe. Sie haben das Haus im Wald, den Nebel, usw. also auch nicht als “heimatlich”, als Koketterie mit “Neo-Provinzialität” gesehen? Nicht Illies’sch?

Auf keinen Fall.

Könnte man dann nicht sagen, dass die Melancholie dieser Figuren vielleicht noch gar nicht vollzogen, wirklich eingetreten ist, sondern dass sie eher an der Schwelle zu einer melancholischen Reaktion stehen? Wenn das Objekt “gesellschaftliche Entwicklung, Fortschritt, gesellschaftliche Option”, irgendetwas dieser Art, zusehends schwindet, dann ist die resignativ-melancholische Introjektion, die ja auch ein verbissenes Festhalten am Objekt bedeutet, nur eine Möglichkeit der Reaktion. Vielleicht ist genau über dieses Festhalten der Besetzung gar noch nicht, oder nicht länger entschieden? Eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Ihre Überlegung ist nicht unplausibel, wenngleich ich nicht sicher bin, sie ganz zu verstehen. Ich gehe vom einzelnen Menschen aus, und ich sehe in diesen Filmen Menschen, die durch die Stadt oder den Wald oder die Landschaft streifen. In gewisser Weise, könnte man sagen, bleiben die Figuren noch in Sichtweite jener Realität, der Objekte, deren Verlust sie gleichwohl erwägen oder zu registrieren beginnen und der sie vielleicht auch bedroht. Aber Sie haben recht: die Situation scheint eine des Übergangs, und ihre Melancholie eher die einer ihrer möglichen Perspektiven als etwas, dem man bereits untersteht.

Die Frage wäre, auf welchem Niveau die Filme selbst bereits angelangt sind. Sie scheinen ihren Figuren gewiss keine Richtung vorzugeben, gar vorzuschreiben. Man hat vielleicht auch das mit der Rede vom “Verbot der Manipulation” gemeint. Gleichwohl, die Enthaltung einer Richtungsvorgabe: Teil eines melancholischen Syndroms? Macht tatsächlich “das Leben in der Potenzialität in der Aktualität impotent” (Diederichsen)? Einerseits festhalten an der Figur oder Idee des authentischen Menschen, der in seiner wirklichen gesellschaftlichen Situation steht und agiert; andererseits das Registrieren seiner Suspension. Nimmt man eine Szene wie das Casting in “Gespenster” als Beleg, scheint allerdings die Besetzung, der Wunsch nach einer, wie immer genauer zu bestimmenden “Echtheit” sehr stark – und insofern eine der Voraussetzungen der melancholischen Reaktionsbildung erfüllt.

Ich höre bei Ihnen, verhohlen-unverhohlen, eine gewisse Skepsis hinsichtlich von “Echtheit”, betreffs “wirklicher” Menschen heraus – ist das zutreffend?

Herr von Boehm, man kann Ihnen nichts vormachen.
Ich möchte noch auf einen anderen Punkt zu sprechen kommen. Sie sind ein Mensch von sartorialem Erscheinungsbild – Ihnen muss die Kleidung, der “Look” zahlreicher der Charaktere in Filmen wie “Gespenster”, “Montag” auffallen – vielleicht auch aufstossen?

Es fällt mir auf, Sie haben recht. Und eines scheint mir in der Tat bemerkenswert, und ich verstehe es nicht recht: man wird nicht bestreiten können, dass die umherstreifenden Figuren Vorbilder in der Filmgeschichte haben, speziell im Neorealismus, aber auch in Filmen, die kritisch an den Neorealismus anschliessen. Nun scheint aber der Unterschied zwischen Julia Hummer oder der Frau in (diesen) Jeans und Norwegerpullover (Isabelle Menke in “Montag”) und Ingrid Bergman (“Europa 51”, “Stromboli”, usw.), gar Jeanne Moreau (“La Notte”) sehr gross. Ich weiss nicht, wie ich diese Differenz interpretieren soll: “melancholisch”??

Eine letzte Frage. Konnten Sie Christian Petzold fragen: “Denken Sie oft an den Tod?”?

Das habe ich leider vergessen.

 

One of SFD’s most avid readers sent in the following remark, which was translated into german by Karin Laub:

Das Gespräch erinnert mich an ein anderes, das ich in einem französischen, genauer: franco-schweizerischen, Schachbuch gelesen habe. Dort “interviewt” der Autor einen jüdischen russischen Großmeister, der zum Zeitpunkt des Interviews in einem sowjetischen GULAG einsitzt. Folglich ist das Interview fiktiv. Vornehmlicher Gespächsgegenstand wiederum ist eine lange Unterhaltung, die der russische Spieler seinerzeit mit dem berühmten estnischen Großmeister Lionel Adalbert Bagration Felix Kieseritzky (mehr, mehr, matt) geführt hatte – angesichts des Sterbedatums Kieseritzky’s (18. Mai 1853) ist diese Unterhaltung ebenfalls zwingend fiktiv. In einem posthum veröffentlichen Brief an seine auf St. Barth lebende Tochter räumt der Autor der Schachlehre den zweifach fiktionalen Status seines Gespräches ein und bezeichnet es als Doppelfiktiv-Interview.
Ich bin mir nicht sicher, was mich in dem obigen Interview an das Gespräch über Schach denken lässt. Vielleicht ist es die allzu schwarz-weiß anmutende moralische Haltung eines der beiden Gesprächspartner.

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