Ein Lilien-und-Gerbera-Gebinde

Gestern beobachtete ich in einem kleinen Blumenladen in Berlin, und zwar in Berlin-Mitte, den jungen Deutschen Peter Siller beim Standbein-Spielbein-Wechsel. Er kaufte gerade einen Bund Blumen, denn er war zum Abendessen bei Martin Saar und Ina Kerner eingeladen; es sollte mit einigen politischen Freunden der vierzigste Geburtstag von Rahel Jaeggi gefeiert werden. Obwohl ihm die rothaarige Blumenhändlerin ein Lilien-und-Gerbera-Gebinde empfiehlt, wählt Siller einen Strauss kleiner blassblauer Rosen (er weiss, dass Jaeggi einmal eine Seminararbeit zu Franz Werfel und Jana Hensel geschrieben hat). Nach einer Böll-Veranstaltung hatte es zwischen ihm und Jaeggi vor einigen Jahren mal ein paar “Untertöne”, wie Siller es für sich selbst nannte, gegeben; über eine, und zwar völlig latente, Verbalerotik hinaus war es aber damals, trotz der umgebenden hypersexualisierten Kultur, wie Siller fand, zu nichts gekommen. Es war eine eher eunuchisierende Vertraulichkeit gewesen; aber immerhin. Siller wusste, dass er manchen Leuten irgendwie langweilig vorkam, auch, dass sie dachten, dass bei ihm kaum wirklich was läuft. Aber ihm war eben die eigene Politisierung bereits Passion (genug?), und er wollte auch nicht den RTL II-Akteur für RTL II-Menschen geben. Er sah sich mehr so als der Hannah Arendt-Mensch. Oder, seinetwegen, Stefan Gosepath-Mensch.

Siller trug auch an diesem Abend wieder einen jener Anzüge wie man sie von jungen Referenten auf Fraktionsebene in den Büros rund um den Reichstag, dem deutschen Parlament, kennt. Siller verfasste zuletzt gemeinsam mit dem wohlgenährten Arnd Pollmann ein Positionspapier für die neue Zeitschrift polar; er hatte einige frischgedruckte Exemplare der ersten Ausgabe dabei, auch weil die meisten der Gäste Zuträger und Autoren, zumindest Teil des “Zusammenhangs” (Siller erinnerte sich gern an dieses Wort aus seiner Jugend in Schlitz) waren.

Seit der Zeit in Schlitz und dem anschliessenden Studium in Göttingen und Giessen hatte sich Sillers Zusammenhang sehr geändert, es war ein politisches Umfeld geworden. Frühere Studienfreunde waren nach München, Köln oder, vor Siller, nach Berlin gezogen. Einige waren auf den Zug postmodernen, postnormativen Denkens aufgesprungen und verstanden, wenn Siller ihnen von Jaeggi erzählen wollte, immer Fleur Jaeggy; andere meinten, er wolle über alte Pop-Literatur sprechen und beziehe sich auf Jäcki, nur artikuliere Siller eben mal wieder so wohlgenährt-breiig (das war in manchen Seminarbeiträgen in Giessen (oder war es Göttingen?) schon ein Problem gewesen). Über Pop-Literatur wollte Siller aber niemals sprechen, nicht mal mit Jaeggi. Pop generell war okay, aber Siller’s Plattensammlung war nichts besonderes: er hörte gern Robbie Williams und Madonna, auch mal Radiohead, wobei er da zuletzt eher auf Coldplay umgeschwenkt war; eine Ex-Freundin hatte ihm mal ein paar CD’s mit englischer Gitarrenmusik gebrannt, das fand Siller auch gut.
Aber Pop-Literatur hielt Siller, mit einem Wort seines Freundes Saar, für tendenziell “post-kritisch”; genau wie jene Sonntagszeitung, in der er gestern, zwar, keine Pop-Literatur gelesen hatte, aber etwas, wie Siller fand, aus deren geistigen Umfeld (sollte er später während des Essens sagen: “aus der Zone ihres Urspungs – ihr versteht: ‘Ursprung’ so in einem Benjaminschen Sinne” – Siller war sich nicht sicher).
“Trugbildschönen Körper” hatte es da geheissen – aber das war es eben wieder: dieses Gerede von Trugbild und medialer Verbalerotik, das, fand Siller, immer das Pendant in einer Verbalpolitik fand. Hatte Siller so auch gemeinsam mit Pollmann geschrieben und er meinte “Verbalpolitik” im Sinne von “blosser Verbalpolitik”. Siller nämlich wollte etwas bewegen, und es gemeinsam zu tun, z.B. mit Pollmann, oder mit Jaeggi, das gefiel ihm. Die gemeinsame Auseinandersetzung im eigenen politischen Umfeld, das war für Siller das Gegenteil eines Trugbildes. Das war doch echt (Siller meinte diesen Satz anders als Sonny Crockett im Miami Vice-Piloten,– bzw. eben genau so, wenn man ihn aus der Figur heraus verstand).

Siller liebte das Echte: Dinge wie Sitzblockaden, Menschenketten (natürlich die Menschen mehr als die Ketten); und er glaubte, dass dieses Echte ohne Institutionen nicht zu haben wäre. Er wollte das Echte nämlich schützen gegen die als Coolness getarnte Indifferenz der Pop-Leute, hiessen sie nun Kracht, Illies, oder Poschardt. Siller war Illies natürlich früher in dem kleinen Schlitz begegnet und einmal hatte Illies Siller den geruchlosen Schweiß seiner feuchten Nackenhaare ins Gesicht geschleudert. Siller hatte sich damals eingestehen müssen, das er Illies attraktiv fand; wie genau, das konnte er nicht recht ausdrücken, am Abend nach diesem Vorfall aber spielte Siller mit seiner jüngeren Schwester Mikado und als ihn die scharfe Spitze eines der Stäbchen leicht in die Fingerkuppe stach, da wünschte er sich, es sei Illies, mit dem er spielen würde – warum, wusste Siller damals wie heute nicht zu sagen. Es war, als wäre die Empfindung des Pieksens in Stuttgart, und der Gedanke an Illies in Strassburg – und doch bedürfte es vielleicht nur der halben Drehung eines gedachten Drehkreuzes, um die Verbindung zwischen beiden herzustellen.

Der Gedanke an das Drehkreuz (sollte er es nennen: “Drehkreuz des Herzens”?) hatte Siller auf seinem Weg zu Saar/Kerner eingelullt, was Siller hasste, denn er wollte kein Weltflüchtler sein – im Gegenteil: die Sphäre des Politischen hielt er für wesentlich öffentlich: dort entschied sich (in der “Auseinander-Setzung”, hatte er mit Pollmann geschrieben; und Siller war stolz gewesen, als ihm beim siebten Korrekturlesen und nach den langen Diskussionsabenden mit Pollmann noch dieser Bindestrich eingefallen war) die “Einrichtung der Welt” (diese Formulierung stammte von Pollmann, sie war gut, wenngleich Siller einige Tage später dieselbe Wendung in einem älteren Text von Gosepath entdeckte – war Pollmann am Ende kein originärer Akteur?). Die Einrichtung der Welt – darum was es Siller, dem politischen Menschen als den er sich begriff, zu tun. In Institutionen aber, das schien Siller evident, da gab es keine Drehkreuze, dort geschah alles Nacheinander, da gab es kein zögerndes Duldertum, nicht ein privatistisch phrasiertes Legato, sondern nur das Stakkato artigen Mitempfindens des Gemeinsamen (des Kommunen, wie es, laut eines Bekannten seines Umfeldes, bei dem französischen Linken Jacques Rançière hiess).

Jetzt fühlte sich Siller wohler, das Lullige des Drehkreuzes war verschwunden; er bog um die letzte Ecke und auf der Strasse vor Saar’s Haus sah er, wie sich eine Frau sehr tief bückte, um ihr Fahrrad anzuketten. Als er nähergekommen war, blickte Jaeggi durch die im letzten Licht flimmernden Speichen zu ihm auf.

Advertisements

About this entry