Das Brot der frühen Jahre (On the formation of taste)

In the ’50s I too got shown the films of the FWU (THE educational film distributor in Germany – ed) in school. Silent, black and white, screened with a noisy projector, these films were about fallow deer and glassblowing. We high school kids with tastes formed by the photo journal Magnum, later on by Twen, Roth-Händle advertising, green MG, the monthly Polen (Poland), Herbert Vesely, Günter Grass, didn’t like these films, and even today in discussions when one will say “like a schoolfilm” it’s clear they’re saying something is the very dregs. But to me that’s not perfectly clear.
(Harun Farocki, Filmkritik 1979, p. 429)

senses of

Ich selbst habe eigentlich kein Verhältnis zum Werk von Günter Grass (auch nicht zu dem Herbert Veselys, vielleicht ist das zu bedauern (bzgl. Vesely)); die “Blechtrommel” nur in gewissen Auszügen (“Stellen”) gelesen, sonst nichts. Grass als öffentliche Figur (Gewissen der Nation) für mich nur relevant 1989/90, als es um die Modalitäten (das Ob?) der Wiedervereinigung ging: er hielt 90 die sog. Poetik-Vorlesungen in Frankfurt, “und zwar in Frankfurt am Main” (courtesy of Buback records), allerdings als nur eine einzige Vorlesung im bekannten Hörsall VI der Universität. Ich erinnere mich (wenn ich jetzt mal so Filmkritik-in-der-Rezeption-mässig aus der 1.Per.Sing.-Perspektive weiterplaudern darf), dass ich, sehr jung wie ich war (hätte im Grunde spätschuldfrei am Abend noch in die Waffen-SS eintreten können), hier und da dem Vortragenden in seinem Nationalskeptizismus emphatisch zustimmte und das, einmal dann, auch durch einen Ausruf kundtat. In dem Augenblick, der folgte, hatte ich Blickkontakt mit dem Vortragenden und späteren Nobelpreisträger (der Verbleib dieses Preises in Grass’ Besitz wird allerdings derzeit von einer illuster gemischten Schar von Menschen des kulturellen Feldes (im weiteren Sinne), namentlich: der CDU-Kulturexperte (sic!) Wolfgang Börnsen, der Bundesvorsitzende der Jungen Union Philipp Missfelder, der Autor Maxim Biller, der Bundeswehr-Professor Michael Wolffsohn in Frage gestellt), der sich dank meines jungen Gesichts und meiner Jungrekrutenstimme wohl gerade in engster Tuchfühlung mit der Jugend empfand.

Meine Unkenntnis von Denken und Werk Grassens geht so weit, dass es einen Punkt gibt, der in der gegenwärtigen Debatte nur am Rande Erwähnung findet, mich aber aufmerken lässt als würde ein medizinischer Jungspund mir einen Nasendurchgang in Aussicht stellen: es ist Grassens Aversion gegen abstrakte Malerei, Ungegenständlichkeit überhaupt. Im FAZ-Interview wird es beiläufig mit Blick auf die – schlimmen; schlimmen, weil miefigen – (ich stelle mir diese Parenthese von Grass gelesen vor, daher die Wiederholung von “schlimmen”) Fünfziger Jahre erwähnt:

Ähnlich ging es mir später im sogenannten “Berliner Kunststreit” zwischen Karl Hofer und Will Grohmann, in dem Hofer die gegenständliche, vom Bild des Menschen bestimmte Malerei gegen die gegenstandslose, die “informelle Malerei” verteidigte. Das war, ich beschreibe es im Buch, weniger eine politische und mehr eine ästhetische Entscheidung. Aber natürlich hatte auch diese Debatte einen politischen Hintergrund.

Gestern las ich dann aber, dass Grass auch 1985 bei seiner Rede zum Kriegsende als Präsident der Berliner Akademie der Künste (“Geschenkte Freiheit”) kritische Worte für die Abstraktion der 50er fand, ebenso wie für die vermeintlich gegensätzliche Konkretion der Wilden 80er:

Der ganzen Epoche verleiht der Redner mit einem banalen Kalauer den Schandnamen der “Falschen Fuffziger”. Dem Syndrom von “Schwindel” und “Verfälschung” durch “Schonwörter” und “Schummelwörter” ordnet Grass auch die Ästhetik ein. Das Programm der Abstraktion war das “Übersehen der Wirklichkeit”. Die “Gegenstandslosigkeit triumphierte” und hatte den Zweck, “gegenstandslos zu machen, was die Vergangenheit heraufbeschwören und die Flucht nach vorne behindern konnte”.

Vor den versammelten Akademiemitgliedern, die doch eigentlich berufen waren, von der künstlerischen Freiheit den Gebrauch zu machen, der ihnen paßte, ritt der Präsident an diesem 6. Mai 1985 eine Attacke gegen alle Tendenzen der Gegenwartskunst, die ihm restaurativ erscheinen wollten. “Die multimediale Innovation Neuer Körperlichkeit findet als inszenierter Mythos der Selbstverwirklichung in alternativer Szene und unter dem Markenzeichen neoliberaler Postmoderne statt.”

Patrick Bahners (der “Jed Babbin” der FAZ)

Prompt blieben Grassens Einlassungen nicht unwidersprochen; das Akademie-Mitglied Dieter Oesterlen (Architekt) merkte in der Diskussion an:

Ich akzeptiere die in der Rede [von Günter Grass] zur Beurteilung der Nachkriegszeit enthaltene Tendenz der “Verdrängung”, nicht aber alle damit im Zusammenhang stehenden Einzelheiten. Eine davon ist die von Grass getroffene Feststellung einer “Verdrängung”, die in vieler Hinsicht gültig ist, aber nicht angewandt werden darf auf die Hinwendung von bildenden Künstlern zur abstrakten Kunst, zu der Grass anscheinend keinen Zugang hat – oder sollte es daran liegen, daß eine zu frühzeitige politische Einschätzung einer Zeiterscheinung zu diesem Fehlschluß führte?

Diese Hinwendung zur Ungegenständlichkeit in der bildenden Kunst war in dieser ersten Nachkriegszeit keine Verdrängung, sondern eine Befreiung von dem bisher verordneten, verschwommenen Realismus der Nazizeit.

Dasselbe geschah in der Architektur, in der wir über die gleiche Befreiung von der realistischen Blut- und Bodentümelei bzw. von dem staatsrepräsentierenden 34sten Aufguß eines fadenscheinigen Klassizismus glücklich waren und arbeiteten in einem – nennen wir es – abstrakten Kubismus.

Es ist vielleicht zu überlegen, welche Diskussionslinien und Fronten anlässlich der gegenwärtigen Diskussion wieder gezogen werden – und was sich, qua Schlachtenlärm und Kanonenrauch, für Spielräume anderer Neubestimmungen oder Fokussierungen ergeben könnten: Grass, der Moralist, unter Druck, natürlich im Grunde ausschliesslich von der falschen Seite, aber mit Grass auch sein ästhetisches Programm (das sich der Bundeswehr-Jude Wolffsohn nicht entblödet, weil man ja die moralische Füllung nun streichen müsse, “l’art pour l’art” zu nennen: dämlicher, ahnungsloser geht’s nimmer) und damit wäre vielleicht die Frage gestellt, welcher Art die ästhetische Restauration, Rekonstruktion und Gegenentwurf in der BRD nach 45 waren. Sicher, eigentlich nichts Neues.

Dennoch, Anlass dieser Notiz war ja Farocki’s “Geständnis” (Terminus courtesy Frank Schirrmacher), dass sein und seiner Freunde Geschmack u.a. von Grass geprägt wurde. Wenn ich durch die Frieda Grafe Brinkmann&Bose-Ausgabe blättere, kann ich mir nicht helfen als irritiert zu sein von der modernistischen Klarheit, Sachlichkeit, Sauberkeit des Filmkritik-Layouts, insbesondere des Covers. Willy Fleckhaus, Twen, Roth-Händle advertising? – muss man nicht vermuten, dass in Reaktion auf den NS ein ganz bestimmter Typus von (rational-rationalistischem, “protestantischem” (Grassens Invektiven gegen den Katholizismus der 50er Jahre), humanistischem) Modernismus im Nachkrieg in der BRD gepflegt wurde. (Man kann auch an die Stuttgarter Schule (Bense, Heissenbüttel, Walther) und die Ulmer Hochschule für Gestaltung (Aicher, Bill, Kluge, Reitz) denken – im direkten Anschluss an Scholl’s “Weisse Rose”, usw. Wenngleich hier Brüche, etwa gegen alles Gruppe 47, nicht zu übersehen sind.) Die Frage ist die nach dem Typus von Anschluss und Verdeckung (“Verdrängung”, “Aufarbeitung”, etc.). Offenbar haben gewisse deutsche “kulturelle Eliten” nach dem Krieg für einen bestimmten Typus der “Klarheit”, “Gegenständlichkeit”, “Unmittelbarkeit”, “Realismus” votiert: was sind hier für tieferliegende Strukturen impliziert: Begriffe von Geschichte, Mensch (“Bild des Menschen”, Grass), Kunst, usw. Und wäre das Fortwirken dieser Strukturen nicht kritisch zu analysieren, gerade hinsichtlich von “Politik in Deutschland”.

Anselm Haverkamp hat ja seinerseits im tzk-Interview in erfrischender Weise den glücklich-naiven Modernismus der Willy Fleckhaus-Cover denunziert (for instance: der de-bug-Layouter Jan-Rikus Hillmann ist ergebener, bedingungsloser Fleckhaus-Fan – ja, auch die jüngeren Generationen . . . ); in seinem Buch “Latenzzeit” (das ich noch nicht kenne) diskutiert er das “Wissen im Nachkrieg” u.a. mit Blick auf die Waffen-SS-Mitgliedschaft des Konstanzer Doyen der Literaturwissenschaft, Hans Robert Jauß.

Ein weiterer Titel, der mir im Zusammenhang der Grass-Diskussion eigentümlich einschlägig zu sein scheint, ist Hubert Fichtes “Die zweite Schuld” (überhaupt, Fichtes sehr ambiges Verhältnis zur Gruppe 47).

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