Brotsamen der Jetzt-Zeit: Die Ödnis des entlarvten Landes

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Dann wollen wir mal. Reden wir über das ästhetische Programm des post war Germany. They want to start from scratch, every day, day by day, since 61 years. Sprechen wir zunächst von Wolfgang Borchardt, kurz, wie sich versteht, vielleicht über diesen einen Text „Die traurigen Geranien“: das ist nicht nur verkappter Lanzer-Existentialismus, es ist ein Schreibstil, der sich aus den Soldatenbriefen hinüber „rettete“, auch von der Gruppe 47 aufgenommen wurde, die nicht Reaktion auf die Trümmerlandschaft war, sondern auf der NS-Folie weiter schrieb. Ich möchte von einer Einschreibung in das ästhetische Nachkriegsprogramm sprechen, more engineering than queering. Aber nicht bei allen sichtbar, hörbar, spürbar. Es war vielstimmiger, Paul Celan kam zu Besuch, auch Ingeborg Bachmann, in die sich alle verliebten, wie Volker Weidermann erklärt. Das ist für Weidermann das Interessanste an Bachmann. Die Herren der Gruppe 47 starren Ingeborg Bachmann bei ihrer Lesung an…

Und dann die Restaurations-Prosa, der Singsang, das Weiter-im-Programm….

Und Grass, der sich so gern mit Brandt umgab, seine widerständige Aura nutzte und 1972 dieses ” Mehr Demokratie wagen” hinausposaunte und zu Bittburg schwieg, dabei aber die Sprache des Gerechten sprechen sollte. Dieser Grass gilt laut Heinz Bude als wirklicher, einzig wahrer Repräsentant der literarischen Klasse der Bundesrepublik. Denn Grass hat laut Bude den Vorteil, wirklich (sic!) etwas erlebt zu haben. Das hat kein anderer Literat Deutschlands, so Bude. Nicht Rainald Goetz und andere, weil diese nur von sekundären Erfahrungen berichten konnten, von Sex und Terror etwa. Herr Bude, wie beschränkt ist das eigentlich? Wieder ein beschissener Tag mit der SZ.

Retrospektiv hat Grass diese Möglichkeit „biografischer Involviertheit“ genutzt, um den bundesrepublikanischen Karthasisprozess einzuleiten; den Bocksgesang, diese Wunde Auschwitz, die sich einfach nicht schließen will…das ist der alte feuilletonistische Konverativismus eines Thomas Schmidt aus der FAZ z.b. uind Grass hat das freigeistig, sozialdemokratisch-humanistisch eingefädelt.

Und Grass und die Lichterketten Anfang der 1990er Jahre. Wir reden nicht nur über ein ästhetisches Programm, sondern über den humanistischen Menschen, der Intellektuelle als Fürsprecher oder: der Intellektuelle in der sozialdemokratischen Revolte. Wird sich nun Grass als moralische Instanz aufgrund seiner Waffen-SS-Vergangenhei beweisen? Gibt es überhaupt einen vergleichbaren Schock, wie bei jenem Philosphen PdM (Reflections on Paul de Man)?

Die Botschaft eines Banners im Wahlkampf 1972: Strauss pflegte kleine, einmotorige Flugzeuge über die Städte und Dörfer zu senden, die ein Transparant hinter sich her zogen, auf dem zu lesen war: „Herr Brandt, wo waren sie zwischen 1933 und 1945.“

Symbolpolitik: Der Kniefall von Warschau und die rauchende Pfeiffe von Grass, andere haben schon auf Grass’ wirren Pathos verwiesen, als er das geteilte Deutschland als Strafe für Auschwitz bezeichnete. Grass: “Es ist, als hinge den Deutschen der Fluch ihrer Opfer an. Was wir auch tun, der Makel bleibt.”

H.C sprach gestern davon, die Frage des Exils wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken, die Literatur der Rückkehrer, der im Exil gebliebenen, aber auch der Ermordeten, die Literatur der Leerstelle und jene Literatur, die tabula rasa mit Geschichte betreibt, ohne reviosionistischen Eifer (gehört Fichte dazu)? Dann die die Post-Reeducation-Literatur, die Adaption des amerikansichen Stils und…

Nach 1968 war es schick Bücher über Naziväter zu machen.

Die schlimmste Erfindung des deutschen Literaturbetriebs seit 1945 ist das Genre „Vertriebenen-Prosa“, das im Fahrwasser des erinnerungspolitischen Paradigmenwechsels den neuen „Sound of Silence“ anheizt. Und da kommt Grass.
Und Erika Steinbach. Da wird mir schlecht. Das Zentrum gegen Vetreibungen. Da wird mir schlecht. In the backyard of the Show der bedrohten deutschen Volksstämme, ja da, gleich um die Ecke, auf der Mall der deutschen Geschichte, dem Nationalpark “Unter den Linden”, da sitzt Hans Ottomeyer auf seinem Ray und Charles Eames-Stuhl und bringt den 1000-jährigen Glanz deutscher Kultur unter frisch polierte Glasvitrinen.

Einführung in die Kapitel (Zentrum der Vetriebenen)

Die Deutsch-Balten
Die Banater Schwaben
Die Bessarabiendeutschen
Die (Ost-) Brandenburger
Die Buchenlanddeutschen
Die Danziger
Die Dobrudscha- und Bulgariendeutschen
Die Donauschwaben
Die Karpatendeutschen in der Slowakei
Die Deutschen aus Litauen
Die Oberschlesier
Die Ostpreußen
Die Pommern
Die Rußlanddeutschen
Die Sathmarer Schwaben
Die Schlesier
Die Siebenbürger Sachsen
Die Sudetendeutschen
Die Deutschen in Ungarn
Weichsel-Warthe
Die Westpreußen

„Wenn ich heute zurückkomme in meine Heimat, wie letzte Woche etwa, wenn ich die Großstadt hinter mir lasse und ein paar Stunden lang mit dem Zug zurückfahre aufs Land, dann freue ich mich, wenn der Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe angesagt wird, und zwar nicht, weil dort der mobile Brezelverkäufer zusteigt. Sondern weil dann das Heimatgefühl in mir aufsteigt, wenn kurz hinter Kassel die Wiesen hügeliger werden und die Häuser fachwerkiger. Heimatgefühl war lange verboten, höchstens das Grundgesetz durfte man lieben, sein Auto oder seine Frau. Mein Heimatgefühl war aber schon immer etwas Besonderes, auch weil man es riechen kann. Leider duftet es nicht besonders gut, modrig eher, ein Schwamm, der in den Tannen steckt, aus denen unser Fertighaus gebaut wurde. Er steckt in jedem Briefumschlag, der das Haus meiner Mutter verläßt, sie könnte eigentlich auf einen Absender verzichten, aber sie tut es nicht, weil sie von der Unicef für ihre Spenden immer Hunderte dieser kleinen Namensaufkleber mit Vögelchen bekommt, die sie irgendwie loswerden muß.“ (Florian Illies)

Winfried G. Sebald, Autounfall. Hubert Fichte, Autounfall. Villem Flusser, Autounfall.
Martin Walser, untot.

Und dann die 1990er Jahre, sie begannen umittelbar, nicht unfreiwillig wagnerianisch. Ich denke alles von Rostock-Lichtenhagen aus: Die 18 Millionen Stimmen aus Osdeutschland, vereint im Jammerchore, später, oh, ehemals geteiltes Land, vereint im Doppel-Jammerchore, und der Gesang der No Go Areas: immer noch lässt die Ankunft der kongolesischen UNO-Schutztruppe auf sich warten: Bitterfeld, Ausfahrt Kinsha-Nord.

Audrey schreibt:
„Es ist vielleicht zu überlegen, welche Diskussionslinien und Fronten anlässlich der gegenwärtigen Diskussion wieder gezogen werden – und was sich, qua Schlachtenlärm und Kanonenrauch, für Spielräume anderer Neubestimmungen oder Fokussierungen ergeben könnten: Grass, der Moralist, unter Druck, natürlich im Grunde ausschliesslich von der falschen Seite, aber mit Grass auch sein ästhetisches Programm (das sich der Bundeswehr-Jude Wolffsohn nicht entblödet, weil man ja die moralische Füllung nun streichen müsse, “l’art pour l’art” zu nennen: dämlicher, ahnungsloser geht’s nimmer)…“

Audrey! Ein entblödeter Bundeswehr-Jude und ein semi-betonierter, halbpensionierter Guerilla-Filmemacher und Auteur? Ich stehe auf Anna Faroqui-Filme. Look, liebe Audrey, Michael Wolfsohn schult Soldaten, haucht diesen etwas demokratischen Geist ein, damit tatsächlich nicht die Waffen-SS demnächst Israel schützt, nicht? Also zügele doch bitte deine Wortwahl oder spielst du hier auf eine Begegnung zwischen Fichte und Reich-Ranitzki an, der letzteren gerne mit einer MG nierdergemäht hätte? Es ist ein Zitat! Davon gehe ich aus. Aber Wolfsohn, sorry, ist komplett uninteressant und auch ein eifriger Erika Steinbach-Unterstützer, hier die aktualisierte Liste der RAF, beachten sie die Reihenfolge:

http://www.z-g-v.de/aktuelles/?id=40

Audrey weiter:

„…und damit wäre vielleicht die Frage gestellt, welcher Art die ästhetische Restauration, Rekonstruktion und Gegenentwurf in der BRD nach 45 waren. Sicher, eigentlich nichts Neues. Dennoch, Anlass dieser Notiz war ja Farocki’s “Geständnis” (Terminus courtesy Frank Schirrmacher), dass sein und seiner Freunde Geschmack u.a. von Grass geprägt wurde. Wenn ich durch die Frieda Grafe Brinkmann&Bose-Ausgabe blättere, kann ich mir nicht helfen als irritiert zu sein von der modernistischen Klarheit, Sachlichkeit, Sauberkeit des Filmkritik-Layouts, insbesondere des Covers. Willy Fleckhaus, Twen, Roth-Händle advertising? – muss man nicht vermuten, dass in Reaktion auf den NS ein ganz bestimmter Typus von (rational-rationalistischem, “protestantischem” (Grassens Invektiven gegen den Katholizismus der 50er Jahre), humanistischem) Modernismus im Nachkrieg in der BRD gepflegt wurde. (Man kann auch an die Stuttgarter Schule (Bense, Heissenbüttel, Walther) und die Ulmer Hochschule für Gestaltung (Aicher, Bill, Kluge, Reitz) denken – im direkten Anschluss an Scholl’s “Weisse Rose”, usw. Wenngleich hier Brüche, etwa gegen alles Gruppe 47, nicht zu übersehen sind.) Die Frage ist die nach dem Typus von Anschluss und Verdeckung (”Verdrängung”, “Aufarbeitung”, etc.). Offenbar haben gewisse deutsche “kulturelle Eliten” nach dem Krieg für einen bestimmten Typus der “Klarheit”, “Gegenständlichkeit”, “Unmittelbarkeit”, “Realismus” votiert: was sind hier für tieferliegende Strukturen impliziert: Begriffe von Geschichte, Mensch (”Bild des Menschen”, Grass), Kunst, usw. Und wäre das Fortwirken dieser Strukturen nicht kritisch zu analysieren, gerade hinsichtlich von “Politik in Deutschland”.
Anselm Haverkamp hat ja seinerseits im tzk-Interview in erfrischender Weise den glücklich-naiven Modernismus der Willy Fleckhaus-Cover denunziert (for instance: der de-bug-Layouter Jan-Rikus Hillmann ist ergebener, bedingungsloser Fleckhaus-Fan – ja, auch die jüngeren Generationen . . . ); in seinem Buch “Latenzzeit” (das ich noch nicht kenne) diskutiert er das “Wissen im Nachkrieg” u.a. mit Blick auf die Waffen-SS-Mitgliedschaft des Konstanzer Doyen der Literaturwissenschaft, Hans Robert Jauß.
Ein weiterer Titel, der mir im Zusammenhang der Grass-Diskussion eigentümlich einschlägig zu sein scheint, ist Hubert Fichtes “Die zweite Schuld” (überhaupt, Fichtes sehr ambiges Verhältnis zur Gruppe 47).“

Das ist spannend. Extrem hilfreich, liebe Audrey, an diesen Fragen möchte ich dran bleiben, mich daran versuchen: Dieser TZK-Versuch die 50er Jahre gegen den Strich zu bürsten, ist nicht ganz gelungen, wie ich meine. Zunächst die Stimmen von außen: Arendt, Rossellini, Eisler, Brecht, Adorno, Godard, auch Sirk; die Feuchtwanger-Villa spricht zu mir in der Nacht, als ob am Anfang die Utopie einer Stadt aufblitzen würde: Sind in L.A. nicht die Träume auf Zelluloid geschrieben? Ich würde gerne von dort beginnen, dieses fragile Band demokratischer Kultur in Deutschland samt seiner Literaturen verstehen (von der Politik zur Literatur und umgekehrt) also zunächst zurück zu Arendt, zurück zu einem sehr verrauchten Fernsehabend, Auschnitt aus dem Gespräch zwischen Arendt und Gaus am 28.10 1964.

(…)

Gaus: Als Sie 1933 Deutschland verlassen haben, sind Sie nach Paris gegangen, wo Sie in einer Organisation arbeiteten, die jüdische Jugendliche in Palästina unterzubringen versuchte. Können Sie mir darüber etwas erzählen?

Arendt: Diese Organisation brachte jüdische Jugendliche und auch Kinder zwischen dreizehn und siebzehn Jahren aus Deutschland nach Palästina und hat sie dort in den Kibuzzim untergebracht. Daher kenne ich diese Siedlungen eigentlich verhältnismäßig gut.

Gaus: Und aus einer sehr frühen Zeit.

Arendt: Aus einer sehr frühen Zeit; ich habe damals einen sehr großen Respekt davor gehabt. Die Kinder empfingen eine Berufsausbildung, Umschulausbildung. Hier und da habe ich auch polnische Kinder untergeschmuggelt. Es war eine reguläre Sozialarbeit, Erziehungsarbeit. Man hatte große Lager auf dem Lande, wo die Kinder vorbereitet wurden, wo sie auch Stunden hatten, wo sie Landarbeit lernten, wo sie vor allen Dingen zunehmen mußten. Man mußte sie von Kopf bis Fuß anziehen. Man mußte für die kochen. Man mußte vor allen Dingen für sie Papiere beschaffen, man mußte mit den Eltern verhandeln – und mußte vor allen Dingen auch Geld besorgen. Das blieb mir auch noch weitgehend überlassen. Ich habe mit französischen Frauen zusammengearbeitet. Also das war ungefähr die Tätigkeit. Der Entschluß überhaupt, die Arbeit zu übernehmen: Wollen Sie es hören oder wollen Sie nicht?

Gaus: Bitte.

Arendt: Sehen Sie, ich kam aus einer rein akademischen Tätigkeit. Und in der Hinsicht hat das Jahr ‘33 bei mir einen sehr nachhaltigen Eindruck gemacht. Und zwar erstens positiv und zweitens negativ – vielleicht sollte ich sagen: erstens negativ und zweitens positiv. Man denkt heute oft, daß der Schock der deutschen Juden 1933 sich damit erklärt, daß Hitler die Macht ergriff. Nun, was mich und Menschen meiner Generation betrifft, kann ich sagen, daß das ein kurioses Mißverständnis ist. Das war natürlich sehr schlimm. Aber es war politisch. Es war nicht persönlich. Daß die Nazis unsere Feinde sind – mein Gott, wir brauchten doch, bitteschön, nicht Hitlers Machtergreifung, um das zu wissen! Das war doch seit mindestens vier Jahren jedem Menschen, der nicht schwachsinnig war, völlig evident. Daß ein großer Teil des deutschen Volkes dahinterstand, das wußten wir ja auch. Davon konnten wir doch nicht ‘33 schockartig überrascht sein.

Gaus: Sie meinen, der Schock lag 1933 darin, daß die Vorgänge vom allgemein politischen ins Persönliche gewendet wurden?

Arendt: Nein, nicht einmal. Oder: das auch. Erstens wurde das allgemein Politische ein persönliches Schicksal, sofern man herausging. Zweitens aber wissen Sie ja, was Gleichschaltung ist. Und das hieß, daß die Freunde sich gleichschalteten! Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. Was damals in der Welle von Gleichschaltung, die ja ziemlich freiwillig war, jedenfalls noch nicht unter dem Druck des Terrors, vorging: Das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete. Ich lebte in einem intellektuellen Milieu, ich kannte aber auch andere Menschen. Und ich konnte feststellen, daß unter den Intellektuellen die Gleichschaltung sozusagen die Regel war. Aber unter den anderen nicht. Und das hab ich nie vergessen. Ich ging aus Deutschland, beherrscht von der Vorstellung – natürlich immer etwas übertreibend –: Nie wieder! Ich rühre nie wieder irgendeine intellektuelle Geschichte an. Ich will mit dieser Gesellschaft nichts zu tun haben. Ich war natürlich nicht der Meinung, daß deutsche Juden und deutschjüdische Intellektuelle, wenn sie in einer anderen Situation gewesen wären, als in der sie waren, sich wesentlich anders verhalten hätten. Der Meinung war ich nicht. Ich war der Meinung, das hängt mit diesem Beruf, mit der Intellektualität zusammen. Ich spreche in der Vergangenheit. Ich weiß heute mehr darüber …

Gaus: Ich wollte Sie gerade fragen: Glauben Sie das noch?

Arendt: Nicht mehr so in dieser Schärfe. Aber daß es im Wesen dieser ganzen Sachen liegt, daß man sich sozusagen zu jeder Sache etwas einfallen lassen kann, das sehe ich immer noch so. Sehen Sie, daß jemand sich gleichschaltete, weil er für Frau und Kind zu sorgen hatte, das hat nie ein Mensch übelgenommen. Das Schlimme war doch, daß die dann wirklich daran glaubten! Für kurze Zeit, manche für sehr kurze Zeit. Aber das heißt doch: Zu Hitler fiel ihnen was ein; und zum Teil ungeheuer interessante Dinge! Ganz phantastische und interessante und komplizierte! Und hoch über dem gewöhnlichen Niveau schwebende Dinge! Das habe ich als grotesk empfunden. Sie gingen ihren eigenen Einfällen in die Falle, würde ich heute sagen. Das ist das, was passierte. Das habe ich damals nicht so übersehen.

Gaus: Und deswegen lag ein besonderer Wert für Sie darin, aus diesen Kreisen, von denen Sie damals radikal Abschied nehmen wollten, in eine praktische Arbeit zu kommen?

Arendt: Ja, die positive Seite ist folgendes: Ich gelangte zu einer Erkenntnis, die ich damals immer wieder in einem Satz ausgedrückt habe, darauf besinne ich mich: »Wenn man als Jude angegriffen ist, muß man sich als Jude verteidigen.« Nicht als Deutscher oder als Bürger der Welt oder der Menschenrechte oder so. Sondern: Was kann ich ganz konkret als Jude machen? Hinzu kam zweitens die klare Absicht: Jetzt will ich mich in der Tat organisieren. Zum erstenmal. Und organisieren natürlich bei den Zionisten. Das waren ja die einzigen, die bereit waren. Ich meine, bei den Assimilanten, das hätte ja gar keinen Sinn gehabt. Ich habe damit übrigens wirklich nie etwas zu tun gehabt. Mit der Judenfrage selber hatte ich mich vorher beschäftigt. Die Arbeit über »Rahel Varnhagen« war fertig, als ich Deutschland verließ. Und dort spielt das Judenproblem ja eine Rolle. Ich habe das damals auch verfaßt im Sinne von: »Ich will verstehen.« Es waren nicht meine persönlichen Judenprobleme, die ich da erörterte. Aber jetzt war die Zugehörigkeit zum Judentum mein eigenes Problem geworden. Und mein eigenes Problem war politisch. Rein politisch! Ich wollte in die praktische Arbeit und – ich wollte ausschließlich und nur in die jüdische Arbeit. Und in diesem Sinne habe ich mich dann in Frankreich orientiert.

Gaus: Bis zum Jahre 1940.

Arendt: Ja.

Gaus: Sie sind im Zweiten Weltkrieg dann in die Vereinigten Staaten von Amerika gelangt, wo Sie heute als Professorin für politische Theorie, nicht Philosophie …

Arendt: Danke.

Gaus: … in Chicago arbeiten. Sie wohnen in New York. Ihr Mann, den Sie 1940 geheiratet haben, ist ebenfalls als Philosophieprofessor in Amerika tätig. Nun ist die akademische Provinz, der Sie inzwischen wieder angehören – nach der Enttäuschung aus dem Jahre 1933 – international. Dennoch möchte ich Sie fragen, ob Ihnen das Europa der Vorhitlerzeit, das es nie wieder geben wird, fehlt? Wenn Sie nach Europa kommen: Was ist nach Ihrem Eindruck geblieben, und was ist unrettbar verloren?

Arendt: Das Europa der Vorhitlerzeit? Ich habe keine Sehnsucht, das kann ich nicht sagen. Was ist geblieben? Geblieben ist die Sprache.

Gaus: Und das bedeutet viel für Sie?

Arendt: Sehr viel. Ich habe immer bewußt abgelehnt, die Muttersprache zu verlieren. Ich habe immer eine gewisse Distanz behalten sowohl zum Französischen, das ich damals sehr gut sprach, als auch zum Englischen, das ich ja heute schreibe.

Gaus: Das wollte ich Sie fragen: Sie schreiben heute in Englisch?

Arendt: Ich schreibe in Englisch, aber ich habe die Distanz nie verloren. Es ist ein ungeheurer Unterschied zwischen Muttersprache und einer andern Sprache. Bei mir kann ich das furchtbar einfach sagen: Im Deutschen kenne ich einen ziemlich großen Teil deutscher Gedichte auswendig. Die bewegen sich da immer irgendwie im Hinterkopf – in the back of my mind –; das ist natürlich nie wieder zu erreichen. Im Deutschen erlaube ich mir Dinge, die ich mir im Englischen nicht erlauben würde. Das heißt, manchmal erlaube ich sie mir jetzt auch schon im Englischen, weil ich halt frech geworden bin, aber im allgemeinen habe ich diese Distanz behalten. Die deutsche Sprache jedenfalls ist das Wesentliche, was geblieben ist, und was ich auch bewußt immer gehalten habe.

Gaus: Auch in der bittersten Zeit?

Arendt: Immer. Ich habe mir gedacht, was soll man denn machen? Es ist ja nicht die deutsche Sprache gewesen, die verrückt geworden ist. Und zweitens: Es gibt keinen Ersatz für die Muttersprache. Man kann die Muttersprache vergessen. Das ist wahr. Ich habe es gesehen. Diese Leute sprechen die fremde Sprache besser als ich. Ich spreche immer noch mit einem sehr starken Akzent, und ich spreche oft nicht idiomatisch. Das können die alle. Aber es wird eine Sprache, in der ein Klischee das andere jagt, weil nämlich die Produktivität, die man in der eigenen Sprache hat, abgeschnitten wurde, als man diese Sprache vergaß.

Gaus: Die Fälle, in denen die Muttersprache vergessen wurde: War dies, nach Ihrem Eindruck, die Folge einer Verdrängung?

Arendt: Ja, sehr oft. Ich habe es erlebt bei Leuten, schockartig. Wissen Sie, das Entscheidende ist ja nicht das Jahr ‘33; jedenfalls für mich nicht. Das Entscheidende ist der Tag gewesen, an dem wir von Auschwitz erfuhren.

Gaus: Wann war das?

Arendt: Das war 1943. Und erst haben wir es nicht geglaubt. Obwohl mein Mann und ich eigentlich immer sagten, wir trauen der Bande alles zu. Dies aber haben wir nicht geglaubt, auch weil es ja gegen alle militärischen Notwendigkeiten und Bedürfnisse war. Mein Mann ist ehemaliger Militärhistoriker, er versteht etwas von den Dingen. Er hat gesagt, laß dir keine Geschichten einreden; das können sie nicht mehr! Und dann haben wir es ein halbes Jahr später doch geglaubt, weil es uns bewiesen wurde. Das ist der eigentliche Schock gewesen. Vorher hat man sich gesagt: Nun ja, man hat halt Feinde. Das ist doch ganz natürlich. Warum soll ein Volk keine Feinde haben? Aber dies ist anders gewesen. Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gutgemacht werden können, wie in der Politik ja alles einmal wieder gutgemacht werden kann. Dies nicht. Dies hätte nie geschehen dürfen. Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Ich meine die Fabrikation der Leichen und so weiter – ich brauche mich darauf ja nicht weiter einzulassen. Dieses hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgend etwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden. Über alle anderen Sachen, die da passiert sind, muß ich sagen: Das war manchmal ein bißchen schwierig, man war sehr arm, und man war verfolgt, man mußte fliehen, und man mußte sich durchschwindeln und was immer; wie das halt so ist. Aber wir waren jung. Mir hat es sogar noch ein bißchen Spaß gemacht. Das kann ich gar nicht anders sagen. Dies jedoch, dies nicht. Das war etwas ganz anderes. Mit allem andern konnte man auch persönlich fertig werden.

Gaus: Ich würde gern von Ihnen hören, Frau Arendt, welchen etwaigen Wandlungen Ihr Urteil über das Nachkriegsdeutschland, das Sie oft besucht haben und in dem Ihre wichtigsten Werke erscheinen sind, seit 1945 unterworfen war.

Arendt: Ich bin zum erstenmal 1949 wieder nach Deutschland gekommen; damals im Auftrag einer jüdischen Organisation für die Rettung jüdischen Kulturguts, Bücher im Wesentlichen. Ich kam mit sehr gutem Willen. Meine Überlegung seit 1945 war die folgende: Was immer ‘33 geschehen ist, eigentlich – angesichts dessen, was dann später geschah – unerheblich. Gewiß, die Treulosigkeit der Freunde, wenn man es einmal so böse sagen darf …

Gaus: … die Sie persönlich erfahren haben.

Arendt: Natürlich. Aber wenn einer damals wirklich Nazi geworden war und dann Artikel darüber schrieb, da brauchte er sich ja mir gegenüber persönlich nicht treu zu verhalten. Ich habe sowieso nicht mehr mit ihm gesprochen. Der brauchte sich bei mir nicht mehr zu melden, der war ja abgemeldet. Das ist doch klar. Aber das waren ja alles keine Mörder. Das waren ja nur Leute, wie ich heute sagen würde, die in ihre eigenen Fallen gegangen sind. Dies, was später kam, hatten sie ja auch nicht gewollt. Infolgedessen schien mir, daß es gerade in diesem Abgrund eine Basis geben sollte. Und das ist auch in vielen persönlichen Dingen durchaus der Fall gewesen. Ich habe mich mit Leuten auseinandergesetzt; ich bin nicht sehr freundlich, ich bin auch nicht sehr höflich, ich sage meine Meinung. Aber irgendwie haben sich die Dinge wieder in Ordnung gezogen mit einer Reihe von Leuten. Wie gesagt, das sind ja alles nur Leute, die gelegentlich ein paar Monate oder schlimmstenfalls ein paar Jahre irgend etwas gemacht haben; weder Mörder, noch Denunzianten. Also, wie gesagt: Leute, denen zu Hitler »was eingefallen war«. Aber das allgemeine, das größte Erlebnis, wenn man nach Deutschland zurückkommt – abgesehen von dem Wiedererkennenserlebnis, das ja in der griechischen Tragödie immer der Drehpunkt der Handlung ist –, das ist eine große Erschütterung. Und außerdem das Erlebnis, daß auf der Straße deutsch gesprochen wurde. Das hat mich unbeschreiblich gefreut.

Gaus: Mit dieser Vorstellung kamen Sie 1949?

Arendt: So ungefähr kam ich. Und heute, wo die Dinge ja wieder alle, sagen wir einmal: in ein festes Geleis gekommen sind, da sind die Abstände eher größer geworden, als sie vorher waren. Als sie damals waren in dieser Erschütterung.

Gaus: Weil die Verhältnisse hierzulande für Ihr Gefühl allzu schnell wieder in ein festes Geleis geraten sind?

Arendt: Ja. Und auch manchmal in ein Geleis, das ich nicht bejahe. Wobei ich mich aber nicht verantwortlich fühle. Ich sehe es von außen, nicht? Und das heißt, ich bin heute viel weniger beteiligt, als ich es damals noch war. Das kann auch an der Zeit liegen. Hören Sie, fünfzehn Jahre sind ja auch kein Pappenstiel!

Gaus: Sie empfinden eine stärker gewordene Gleichgültigkeit?

Arendt: Distanzierung; Gleichgültigkeit ist zuviel. Aber Distanzierung ist wahr.

(…)

Das ganze Interview unter:
http://www.rbb-online.de/_/zurperson/interview_jsp/key=zp_interview_638419.html

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