Davor geschaltete Augenblicke, Geschichten, Menschen und Kleider

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…aufgewacht mit Atemnot, der maßgeschneiderte Schlafanzug lag sehr eng an, auf nächtlichen Traumreisen. Und plötzlich tauchten dringliche Fragen auf, Fragen, die nur Du lieber D., oh, herzlich gegrüßster mon amie, beantworten kannst. Anfang des 20. Jahrhunderts entschied die französische Zentralregierung alle Bürgermeister der “Grande Nation” nach Paris einzuladen. Wie du dir vorstellen kannst, sollte sich hier ein Fashionproblem sondergleichen ankündigen, das weltpolitische Bedeutung erlangte. Viele Bürgermeister erschienen in einem sehr armseligen, ja beinahe bäuerlichen Outfit und zum ersten Mal stellten sich am Rande der Weltaustellung Fragen, die unmittelbar den Erscheinugsraum der Politik betrafen: Wie sehe ich aus? Warum sieht Bürgermeister XY viel besser aus und dort drüben, schau nur, da…! Lange bevor Jacques Lang eine innige und überaus fruchtbare Fashionfreundschaft mit Thierry Mugler – von dem in nächster Zeit noch öfters die Rede sein wird (stay tuned, amigo) – einging, sollte sich der Anzug als beste Darstellungsform offzieller bis offiziöser Empfänge und Auftritte etablieren. Der Anzug, “beinahe so anonym wie eine Uniform, war das erste Kostüm, das eine ausschließlich ruhende Machtausübung idealisieren sollte.” (John Berger) Doch diese Normierung des Chic hatte sich bereits längst über Bilder, Hören und Sagen in die abgelegendesten Winkel der Republik herumgesprochen. Und dann: der wirklich erste Anzug eines Provinzbürgermeisters wurde sichtbar durch Paris getragen. Stellen wir uns vor, wie Sander nun Bilder gefunden hätte. Er hätte den Bauernlümmeln die Anzüge eigenhändig vom Körper gerissen, um ihre Herkunft zu bestimmen. 100 Jahre später. Eine anderer, ein viel fruchtbarer Foto-Flaneur ist in Manhatten aufgetaucht. Aus dem Nichts, ja! Ich möchte jenseits der Frage von Mode und Stoffqualität, wie du schnell gemerkt hast, einige Gedanken aus dem kleinen, ja eindeutig viel zu klein geratenen Text “Der Anzug und die Fotografie” von John Berger aktualisieren. Die Frage darf nicht mehr lauten: “Was hat August Sander den Leuten gesagt, bevor er Aufnahmen von ihnen machte?” Nein, die Frage geht nur noch Scott Schmuman an: wir müssen demnach in diese Zone des Unsichtbaren eindringen, indem wir spekulieren, was Scott auf den Strassen New Yorks sagen könnte. Scott, the last bolshewik? Spricht er mit allen Menschen gleich? Warum ist die Klassenzugehörigkeit unsichtbar? Es gibt, wie Walter B. in den Worten Johann-Wolgang G.s über August S. sagte noch etwas anderes herauszufinden, dass ich etwas abwandeln möchte. Scotts unermüdliche Kampf gegen das trübe blickende Auge, sein Entzücken, das plötzlich unser Entzücken wird, ist weniger dem Umgang des Fotografen mit seiner Technik geschuldet, denn es geht augenscheinlich um etwas anderes. Wie könnte diese zarte Scottsche Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht, als eine visuelle Theorie der Empfindsamkeit gelesen und nachdrüklich ausgebaut werden?
…schließlich wieder eingeschlafen, durch Sätze aus dem Text “Der Star der Sterne” der aktuellen “Mode Depesche”: “Mugler liebt Sterne. Sie sind noch höher, noch himmelstürmender, noch unfaßbarer als jede Architektur oder Landschaft.” (Brigitte R. Winkler über Thierry Mugler)

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